Im Exil - Schriftstellerinnen damals und heute
von Katja Weikenmeier
Deutschland - damals Fluchtgrund, heute Zuflucht
12 Frauen
Ich porträtiere sechs deutsche Exilschriftstellerinnen, die in den 30er Jahren Deutschland verlassen mussten und sechs aktuelle internationale Schriftstellerinnen, die in ihrer jeweiligen Heimat vom Regime verfolgt werden und heute im deutschen Exil leben.
Was macht es mit einer Schriftstellerin, wenn sie nicht mehr in ihrer Muttersprache publizieren kann?
Und wie können wir dazu beitragen, dass Deutschland auch in zehn Jahren noch offen ist für andere Kulturen und nicht wieder in alte, diskriminierende Muster zurückfällt? - Lesen ist da eine gute Möglichkeit! Mein Horizont hat sich jedenfalls durch das Lesen der von mir porträtierten Autorinnen schon erweitert. Es würde mich freuen, wenn meine Bilder auch andere dazu anregen, sich mit den gezeigten Autorinnen und ihren Büchern zu befassen.
Die von mir porträtierten Autorinnen sind so unterschiedlich wie die Menschen, die die Porträts anschauen. Es gibt keine „Gattung der Exilschriftstellerinnen“, Diskriminierung kann jede und jeden von uns betreffen.
Die 12 Porträts werden 2026 in Köln ausgestellt (nähere Infos folgen). Die Ausstellung erfolgt in Kombination mit einer Lesung der Autorin Sabine Schiffner, die sich mit dem Thema literarisch auseinandergesetzt hat.
Deutschland 1933
Am 27. Februar 1933, knapp einen Monat nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, brennt in Berlin das Reichstagsgebäude. Am 10. Mai 1933 werden in deutschen Städten tausende Bücher verbrannt. Die „Aktion wider den undeutschen Geist“ der nationalsozialistisch dominierten Deutschen Studentenschaft richtet sich gegen jüdische und andere verfemte Autorinnen und Autoren. Erfolgreiche und bis dahin hochgeschätzte AutorInnen müssen nun um ihr Leben fürchten. Viele wagen die Flucht ins Ausland, was oft mit dem Ende der beruflichen Karriere und großen finanziellen Nöten einhergeht. Nicht alle können sich rechtzeitig dazu entschließen, ihre Heimat zu verlassen. Auch braucht es finanzielle Mittel und Verbindungen, um ins Ausland gehen zu können. Viele schaffen das nicht rechtzeitig und bezahlen dafür mit ihrem Leben. Einige kehren, teils nach langen Jahren im Exil, nach Deutschland zurück. Andere wollen nie wieder deutschen Boden betreten.

Irmgard Keun
Autorin, 6. Februar 1905 - 5. Mai 1982. Unter den Nationalsozialisten durfte sie weder schreiben noch veröffentlichen. 1936 emigrierte sie nach Belgien, später in die Niederlande. Als 1940 die deutsche Wehrmacht in Holland einmarschierte, kehrte Irmgard Keun heimlich nach Köln zurück.

Hilde Domin
Schriftstellerin, 27. Juli 1909 - 22. Februar 2006. Das Bild zeigt sie in ihrem Exil in der dominikanischen Republik. Nach insgesamt 22 Jahren im Exil kehrte Domin 1954 in die Heimat zurück.

Luise Straus-Ernst mit ihrem Sohn Jimmy
2. Dezember 1893 - Anfang Juli 1944. Die Kunsthistorikerin und Schriftstellerin wurde in Köln geboren. 1933 musste sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nach Frankreich emigrieren. 1944 wurde sie von den deutschen Besatzern deportiert und im KZ Auschwitz ermordet. Jimmy schaffte es 1938 mit 18 Jahren nach Amerika zu emigrieren.

Mascha Kaléko
Lyrikerin, 7. Juni 1907 - 21. Januar 1975. Im Hintergrund das Romanische Café in Berlin. Hier traf sie sich fast täglich mit anderen Künstlern, bevor sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft 1938 Deutschland verlassen musste. Sie lebte mit Mann und Kind unter finanziell schwierigen Bedingungen in den USA und später in Israel.

Erika Mann
Kabarettistin und Schriftstellerin, 9. November 1905 - 27. August 1969.
Erika Mann emigrierte 1936 in die USA. Als Vortragsrednerin reiste sie durch den gesamten amerikanischen Kontinent, um über Hitler-Deutschland aufzuklären. Aus dem Exil heraus engagierte sie sich mit Zeitungsartikeln und Büchern intensiv gegen den Nationalsozialismus.

Anna Seghers
Schriftstellerin, 19. November 1900 - 1. Juni 1983. Als Jüdin und überzeugte Kommunistin wurde sie von den Nazis verfolgt. 1933 schaffte sie es, über die Schweiz nach Frankreich zu fliehen. Nach der Besetzung Frankreichs durch die Nationalsozialisten gelang ihr 1941 mit einem der letzten Schiffe aus Marseille die Überfahrt ins mexikanische Exil. Nach dem Krieg kehrte sie nach Deutschland zurück und entschied sich für ein Leben in der DDR, wo sie Präsidentin des dortigen Schriftstellerverbandes wurde.
Deutschland 1999 bis heute
Das 1999 gegründete Projekt „Writers-in-Exile“ des PEN-Zentrums Deutschland bietet jährlich 15 SchriftstellerInnen, die in ihrem Heimatland verfolgt werden, eine sichere Bleibe. Sie bekommen eine Wohnung zur Verfügung gestellt und finanzielle Unterstützung. Es wird versucht, die Unterstützung der Stipendiatinnen und Stipendiaten möglichst so anzulegen, dass sie nach einiger Zeit auf eigenen Füßen stehen, oder, sofern sich die politische Situation im Herkunftsland gebessert hat, in ihr Heimatland zurückkehren können.

Volha Hapeyeva
ist eine belarussische Schriftstellerin, Dichterin und Übersetzerin. Aufgrund ihrer politischen Haltung und ihrer Unterstützung für demokratische Bewegungen sah sie sich in Belarus zunehmend repressiven Maßnahmen ausgesetzt. Sie verließ ihre Heimat und lebt seit 2021 in Deutschland.

Atefe Asadi
Die iranische Journalistin und Schriftstellerin schreibt unter anderem über die Frauenrolle im Iran. Ihre Texte wurden zensiert, sie durfte im Iran nichts mehr veröffentlichen und wurde mehrfach verhört. Das Netzwerk ICORN (International Cities of Refuge Network) half ihr, das Land zu verlassen. Seit 2022 lebt Atefe Asadi in Deutschland.

Stella Gaitano
ist eine preisgekrönte südsudanesische Schriftstellerin und Aktivistin für Menschenrechte. Wegen ihrer politischen Haltung wurde sie in ihrer Heimat mehrfach bedroht und tätlich angegriffen, so dass sie schließlich 2022 mit Hilfe eines Stipendiums des PEN-Zentrums nach Deutschland floh, wo sie seither lebt.

Asli Erdogan
ist eine türkische Schriftstellerin, Physikerin und Menschenrechtsaktivistin. Weil man ihr Terrorpropaganda und Mitgliedschaft in der PKK vorwarf, war sie für viereinhalb Jahre im Gefängnis. Nach ihrer Freilassung Ende 2016 erhielt sie die Möglichkeit zur Ausreise und lebt seit 2017 im deutschen Exil.

Stella Nyanzi
Die ugandische Dichterin und Aktivistin mit einem Doktortitel in Anthropologie hat sich in ihren Gedichten bewusst für eine vulgäre, sexualisierte Sprache entschieden, mit der sie Missstände und Korruption in ihrem Heimatland anprangert. Sie wurde wegen „offensiver Kommunikation“ schuldig gesprochen und kam für 18 Monate ins Gefängnis. Nach ihrer Entlassung musste sie aus Uganda fliehen, weil ihr Leben bedroht war. Mit Hilfe eines Writers-in-Exile-Stipendiums lebt sie aktuell mit ihren drei Kindern in Deutschland.

Yirgalem Fisseha Mebrahtu
ist eine eritreische Lyrikerin, Journalistin und Schriftstellerin. Sie arbeitete als Programmdirektorin bei einem staatlichen Radiosender. Dort wurde sie 2009 zusammen mit 30 anderen Personen festgenommen. Es folgten sechs Jahre Haft ohne Anklage. Nach ihrer Entlassung gelang ihr 2018 die Flucht nach Uganda. Von dort konnte sie mit Hilfe des Writers-in-Exile-Stipendiums des PEN-Zentrum Deutschland nach München kommen. Mit ihren Lesungen möchte sie das Bewusstsein für die zahlreichen KollegInnen wachhalten, die sich teilweise seit über zwei Jahrzehnten unter härtesten Bedingungen in Gefangenschaft befinden. Von vielen weiß man nicht, wo und ob sie überhaupt noch leben.
Katja Weikenmeier
Studium "Visuelle Kommunikation" an der FH Aachen. Selbstständige Diplom-Designerin mit Fokus auf Editorial- Illustrationen und Porträts. Neben den redaktionellen Veröffentlichungen sind Katja Weikenmeiers Arbeiten auf Einzel- und Gruppenaustellungen zu sehen. So auch in der vom Land NRW 2022 geförderten Ausstellung "Nachrichtenteppich" in Köln. Das kreative Schaffen in einen sinnvollen und gesellschaftlich relevanten Zusammenhang zu stellen ist ihr wichtig und war auch Antrieb bei dem hier gezeigten Projekt.

Sabine Schiffner
geboren 1965 in Bremen, Autorin, Übersetzerin und Herausgeberin. Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und Pädagogik an der Universität zu Köln. Sie schreibt Gedichte, Romane und Hörspiele und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Für ihre Bücher erhielt sie viele Preise und Ehrungen, unter anderem den Jürgen-Ponto-Preis und die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung. Sie hat seit 2018 sieben Bände mit georgischer Lyrik ins Deutsche nachgedichtet und war auf Einladung des Georgian Bookcenter als Übersetzerin im Writers' House of Georgia in Tiflis. Ab 2021 lebte sie ein Jahr mit Stipendien in Istanbul. Dort entstand das Buch „Zeynep suchen“ (Dagyeli Verlag, 2024), und der Gedichtband „Ay. Die Mondin“ (KLAK Verlag, 2025). Kürzlich erschien das Buch "Bunkerbriefe" (Kellner Verlag, Bremen), in dem sie die Geschichte einer Frauenfreundschaft während des letzten Krieges erzählt.
